XOOOOX

XOOOOX im Atelier

XOOOOX von hinten wie von vorne, wie A-N-N-A / Freundeskreis?

Richtig. XOOOOX kann man dazu noch auch in der Mitte falten und Platz beim Verstauen sparen. Ich mag symmetrische Sachen. Alles ist symmetrisch, und falls nicht, muss Du es nur in die Einzelteile zerlegen, so weit bis sie alle einzeln symmetrisch werden.

Mir geht XOOOOX erst leicht von der Zunge, seit ich mich intensiver mit Deiner Arbeit befasse. Wirklich melodisch ist es nicht und auch nicht so sexy wie Deine Damen.

Der Name war vor den Damen geboren, so dass sie mit der Zeit um ihn herum entstanden sind. Er klingt zwar Anfangs vielleicht etwas sperrig, doch englisch ausgesprochen, entwickelt er einen ausgesprochen interes-santen Übergang vom Harten ins Weiche und zurück.

Wo liegt der Ursprung? Ist es lediglich Name, oder auch Teil der Gedankenwelt Deiner Charaktere?

Der Ursprung liegt auch wieder in der Ästhetik und Schlichtheit der Symmetrie. Es ist sehr spannend, wie einfach es funktioniert. Jedes hässliche Ding sieht sofort besser aus, sobald es dupliziert und gespiegelt ist. Es wirkt sofort ausgeglichen und das ist nach was wir streben. Gesichter wirken hübscher, wenn sie besonders symmetrisch sind.

Ich wollte auch einen Namen der so wenig Informationen wie möglich transportiert. Einen komplett unbelasteten und der möglichst nur für sich steht. Er ist optisch eine Art leere Codierung in die jeder für sich etwas hineininterpretieren kann.

Deine Arbeiten sind von hoher Ästhetik geprägt, mahnen und kritisieren nicht, scheinen vordergründig auch nicht im weit verbreiteten Stil der urbanen Kunst gesellschaftskritisch zu verstehen zu sein. Darf man an dieser Stelle in der Monotonie des OXOXOXOX dennoch eine Anspielung auf ein konsum- und werbeüberfrachtetes Beuteschema der Damenwelt im Alltagstrott ablesen?

XOOOOX, HamburgMeine bisherigen Frauenschablonen strahlen eine gewisse Ruhe und eine In-sich-Zurückgezogenheit aus. Die Logoarbeiten, bei denen ich z.B. bei dem Chanel-Logo den Schriftzug gegen XOOOOX ausgetauscht habe, setzen sich schon sehr direkt mit dem Thema Branding und Werbung auseinander. Manche finden erst ihre Identität durch Marken, oder versuchen diese durch Marken zu unterstreichen.

Deine ersten Arbeiten waren noch auftapezierte Zeitungsausschnitte. Die Frau in der Mode spielte hierbei eine Rolle und die O’s und X’s umschwirrten bereits Ihre Köpfe. Wann war das und sind von diesen ersten Arbeiten noch welche erhalten?

Die erste Arbeit ist genau am 5. April 2003 entstanden. Das war das erste Motiv mit einer Frau, den X‘en und O‘s. Ich vermute dass keine mehr existiert.

Woher kam Deine Motivation, wie entwickelte sich diese und worin liegt für Dich die Aussage Deiner Arbeit bzw. was wünschst Du Dir bei Deinen Betrachtern damit auszulösen?

Es herrschte in mir schon immer ein Drang, Dinge zu verändern um da- durch Menschen zu provozieren oder vor den Kopf zu stoßen. Auch wenn es nur das Vertauschen von Preisetiketten ist. An der Kasse entsteht aus einer alltäglichen Situation eine völlig absurde. Ich möchte mit den einfachsten Mitteln Spannung auslösen.

In einem Interview mit dem New Yorker Street-Art Künstler Dan Witz habe ich als Antwort auf diese Frage „to give people a smile on a rainy day“ gelesen. Banksy kritisierte in seiner Arbeit Guantanamo und den israelischen Mauerbau, Zezao arbeitet verborgen vom Licht der Sonne und dem Lärm der Welt mit Wasserskulptur-Bildern in der Kanalisation brasilianischer Großstädte. Welchen Auftrag hat Urbane Kunst und würdest Du zwischen den unterschiedlichen Motivationen werten können?

Urbane Kunst hat zumal die Stärke, dass sie den Betrachter überrascht. Er ist nicht darauf so vorbereitet, als würde er in ein Museum oder in eine Galerie gehen um sich bewusst Werke anzusehen. Das ist wie ein Überfall dem du überall da draußen zum Opfer fallen kannst und jeder Künstler hat seine eigene Strategie.

XOOOOXBei Deinen letzten Galerieausstellungen nahmen die Bildträger eine zunehmend wichtige Rolle ein. Hierbei gingst Du immer weiter in die Tiefe. Wann also dürfen wir die ersten komplett skulpturalen Arbeiten von Dir erwarten und ist so etwas auch in der Straße denkbar?

Bei der ersten Ausstellung „Molotov High Heels“ habe ich ausschließlich mit alten, gefundenen Materialien wie Holz und verrosteten Blechen gearbeitet. Bei „Opening Soon“, der zweiten Ausstellung, habe ich absolut neue Materialien verwenden. Die unbehandelten Holzplatten z.B. verändern mit der Zeit ihre Farbe, werden dunkler. Das Kupfer wird irgendwann oxidieren. Das regelt die Zeit für sich.

„Modern House“ (Abb. Unikat I S.36) ist die erste skulpturale Arbeit aus Fundstücken. Ähnliches habe ich diesen Sommer am Kanal neben dem Kanzleramt gesehen. Ein obdachloser Mann hat darin gewohnt. Für mich war das ein Protest von ungeheurer Stärke.

Du bist bei Deiner Arbeit extrem vorsichtig. Besuchst Deine eigenen Vernissagen nicht und meidest heute sogar die von von Dir geschätzten Künstlerkollegen, um Risiken zu vermeiden.

Man muss vorsichtig sein. Aber ich gehe sowieso lieber alleine raus, da das ganze für mich etwas meditatives hat. Das Einpacken, die Fahrt zu der Stelle, das Einschätzen der Situation vor Ort. Dafür ist es gefährlicher und ich muss sehr schnell und konzentriert arbeiten.

Bei den vielen Arbeiten, die ich in unterschiedlichen Städten von Dir gesehen habe, hast Du in keinem Fall mit dem ästhetischen Anspruch an „Deine Leinwand“ und das Gesamtarrangement gebrochen. Du inflationnierst Dich nie, sondern arbeitest extrem akzentuiert. Wäre das auch Deine Argumentation, so Du einmal einer Verteidigung bedürftest?

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Ich suche mir die Stellen sehr bewusst aus. Da muss alles passen, vor allem der Untergrund und die Umgebung. Ich hinterlasse lieber eine Arbeit an einer schönen Stelle. Penetranz ist sehr anstrengend.

Hast Du manchmal ein schlechtes Gewissen, so junge, leicht bekleidete und attraktive Damen alleine im grauen Großstadtdschungel zurückzulassen?

Die wenigsten sind leicht bekleidet, aber alle sind emanzipiert, so dass kein Grund zur Sorge besteht.

Die durchschnittliche Lebenserwartung einer deutschen Frau beträgt heute 76 Jahre. Wird eine Deiner Charaktere in freier Wildbahn ebenfalls diese ambitionierte Altersgrenze erreichen?

In der Stadt wird das bestimmt nicht der Fall sein. Eher auf dem Land, dort lebt man bekanntlich länger.

Wie fühlt es sich für Dich an, wenn Du bei einem Stadtbummel feststellen musst, dass eine Deiner Arbeiten aus dem Straßenbild verschwunden ist?

Es ist nicht schlimm. Das ist die Zeit der Stadt. Altes wird weggerissen, neues erbaut und viele Hausmeister lieben ihren Beruf.

In Berlin Mitte und Prenzlauer Berg sieht man dadurch immer weniger Urban Art. Unter großer Anstrengung werden diese Bezirke auf Hochglanz poliert. Die Bezirke verlieren ihr wahres Gesicht und wirken wie geliftet.

XOOOOXIn der Regel arbeitest Du auf alten Fassaden. Hierbei ist Dir die Vintage-Optik und die Positionierung wichtig. Gelegentlich gibt es jedoch auch Arbeiten auf „beweglichen Gütern“ wie Stahltüren oder Strom-kästen. Welche Ursache des Abschieds ist Dir ggf. lieber, ein neuer Anstrich oder ein „Austausch“ durch einen leidenschaftlichen Sammler und Fan Deiner Arbeit?

Wenn das Werk von jemandem entfernt wird ist es natürlich spannender, als wenn es überstrichen wird. Die Geschichte geht weiter und ich frage mich dann, wo und mit wem.

Kunstdruck Editionen haben einen besonderen Charakter und durchaus eine Existenzberechtigung. Deine Kunst lebt aber von dem was Sie umgibt und der Situation in der sie entsteht. Raue Fassaden, rostige Tore, windige Ecken, Zeitdruck, schwierigste Kreationsbedingungen. Der Grund warum wir uns im Rahmen dieser Publikation für eine Kleinstauflage mit ausschließlich handgefertigten Originalarbeiten auf authentischen Trägern entschieden haben. Gleichermaßen simpel in der Idee, wie auch ein Novum. Bist Du von der Idee weiterhin überzeugt und mit dem Ergebnis zufrieden?

Als die Idee aufkam auf großen Kupferplatten zu arbeiten, war ich sehr gespannt auf das Material. Es lässt sich sehr flexibel bearbeiten und entwickelt bei Licht eine besondere Ästhetik, die sich mit der Zeit verändert.

Theoretisch kann man die Arbeiten unter freiem Himmel aufhängen und sie der natürlichen Witterung überlassen. Das wäre aufregend.

Du bist im Schaffensprozess ein künstlerischer Einzelgänger. Das ist in Deinem Genre eher ungewöhnlich. Gibt es Künstler mit denen Du Dir eine konstruktive Kooperation vorstellen kannst?

SKKI aus Paris wäre einer mit dem ich mir vor- stellen könnte etwas zu machen. Ich mag seine Arbeit und denke, dass wir schnell auf einen Nenner kommen würden.

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Der Konsument und der Kunstsammler neigen zum Vergleich. Der einzige, der mir bei Deinen Arbeiten einfällt ist der mit dem französischen Altmeister der urbanen Kunst Blek le Rat. Spielt er für Deine Arbeit eine Rolle?

Nein, eigentlich nicht. Aber durch Blek le Rat bin ich immerhin auf die Schablonentechnik gekommen. Ein Pionier der Schablone, der auch diesen Sommer in Berlin unterwegs war.

Kunst funktioniert nicht ohne Kunstmarkt. Die Entwicklung der Street-Art hat in den letzten Jahren rasant Fahrt aufgenommen. 2008 wurde bei der Red-Auction in New York mit Banksy erstmalig für eine Arbeit eines Street-Art Künstlers ein siebenstelliges Ergebnis erzielt. Deine Arbeiten gehen bereits in den deutlich fünfstelligen Bereich. Damit bist Du der höchst bezahlte Deutsche Künstler dieser Gattung. Macht Dir das manchmal Angst?

Nein, das macht mir keine Angst, weil ich mich da nicht hineingesteigert habe. Viele haben Urban Art gekauft, weil es neu auf dem Markt war und als hip galt. Man sollte Kunst nur kaufen, wenn man davon überzeugt ist und wenn sie im Kopf etwas auslöst. Egal, ob es dich fröhlich stimmt oder frustriert. Es muss nicht auf Anhieb etwas aussagen, aber es muss dir jeden Tag neue Fragen stellen und du musst die Antworten darauf finden. Es funktioniert ähnlich wie in einer Beziehung. Das muss ein ewiges Frage-Antwort-Spiel sein, sonst wird es langweilig.

In dieser Größenordnung werden Menschen kreativ. Von Banksy wurden bereits Tonnen schwere Fassadenmauern im Kunstmarkt gehandelt. Der erste XOOOOX als Groß- und Schwerformat auf einer internationalen Auktion ist also lediglich eine Frage der Zeit. Belustigte oder verärgerte Dich eine solche Marketing-Maßnahme in Deiner Sache?

Auf dem Kühlschrank eines Freundes klebt ein Aufkleber mit der Aufschrift „Kaufen Sie was Sie wollen und es gehört Ihnen“. Geld ausgeben macht Menschen Spaß und befriedigt sie zugleich.

Andy Warhol hat sich mitten in der Nacht zum Drugstore fahren lassen, um die Artikel zu kaufen, die im Abendprogramm in der TV-Werbung angepriesen wurden. Das hat ihn glücklich gemacht und er konnte besser einschlafen.

Abschließend eine Frage mit Blick nach vorne. Wir sprachen bereits über Atelier vs. Straße. Hat XOOOOX nach den vielen schnellen Erfolgen der letzten Jahre noch Ehrgeiz weitere künstlerische Städtereisen zu planen und dürfen wir von Dir auch noch in zehn Jahren neue Entwicklungen im urbanen Kontext erwarten – Wohin geht die Reise?

Auf jeden Fall werde ich auf der Straße weiterarbeiten. Zur Zeit bin ich aber gerne im Atelier, experimentiere viel, mache Papierarbeiten und schraube an neuen Installationen.

Mal sehen, in wie weit sich diese Arbeiten auf die Straße auswirken werden. Für dieses Jahr steht Paris auf dem Reiseplan und etwas abgelegenere Orte.

Vielen Dank für das Gespräch.