Ateliergespräch - Marcus Neufanger

Lieber Marcus Neufanger, wir haben heute ganz ordentlich Kulisse um uns herum. Wir befinden uns nämlich nicht bei dir im Atelier, sondern kurz vor der Vernissage deiner Ausstellungsbeteiligung in der Daimler Art Collection, im Herzen Berlins am Potsdamer Platz, wo gerade auch der große Berlinale-Trubel herrscht. Nichtsdestotrotz wollen wir direkt ins Gespräch einsteigen und zwar würde ich gern mit einem Statement beginnen. Du sagtest einmal, du hättest dich in den 90er Jahren dazu entschlossen, Dinge deiner Leidenschaft zu Objekten deiner Kunst zu machen, nämlich Bücher. Welches Buch liegt aktuell auf deinem Schreibtisch? Und, fast noch wichtiger auch: auf deinem Nachttisch?

MN: Nun, ich lese nicht im Bett, deswegen liegt auch nichts auf dem Nachttisch. Aber ich lese tatsächlich sehr viel und habe mich in den 90er Jahren dazu entschlossen, die Bücher, die ich gekauft und gesammelt habe, zu malen. Malen wollte ich nun ausschließlich Bücher, die typografisch gestaltet waren. Und von diesen vor allem die Inkunabeln, zum Beispiel Crackers von Ed Ruscha. Welches Buch liegt aktuell auf meinem Schreibtisch? Immer noch Handke und was die Kunst angeht „How to See“ von David Salle mit seinen für mich völlig überraschenden, schönen und euphorischen Kunst- und Künstlerbetrachtungen. Außerdem die Schriften von Peter Halley aus den 80er Jahren. Yayoi Kusamas „Autobiografie“. Das „Zornige Schreiben“ von Miriam Cahn. Die „Notes“ von Jack Whitten und die „Notizen“ von Michel Majerus. Neben „Della Pittura“ von Salvo habe ich gerade „Visuelle Identität“ von Raimer Jochims und „How to Paint“ von Jerry Zeniuk wiedergelesen. Obenauf liegt, in Anbetracht der kommenden Dinge, „Das Kunstmuseum, das ich mir erträume...“ von Rémy Zaugg. Die Stapel sind groß und alles will gelesen werden!

Du beschäftigst dich in deinem künstlerischen Schaffen seit den ‘90er Jahren mit dem Thema der Selbstinszenierung, explizit der deiner Künstlerkollegen. Hast du im Laufe der Jahre die eine typische Künstlerpose entdeckt oder gibt es die gar nicht?

Die „typische Pose“ ist wahrscheinlich immer noch männlich auftrumpfend. Andy Warhol sagte „Art? That’s a man’s name.“ Davor Schrecken Künstlerinnen zurecht, mit wenigen Ausnahmen, zurück. Pipilotti Rist, Elke Krystufek oder Cao Fei, die ich für die Daimler Art Collection porträtiert habe, sind da eher Ausnahmen, die die Herausforderung annehmen. Andererseits treten die allermeisten Künstler/innen nach wie vor hinter ihrem Werk zurück, verstecken sich sogar oder verschwinden ganz dahinter. Freiwillig oder nicht - das wäre auch psychologisch eine spannende Frage. Unbeeinflusst davon habe ich ein sehr schönes und ehrliches Porträt von Donald Judd gezeichnet, obwohl oder gerade weil der, völlig uneitel, im karierten Westernhemd dasteht. Striktes ‚Non-posing’. Sein ‚Standing’ ist schon wieder ein Statement. Damals gab es vielleicht mehr Personality.

Deine Portraits entstehen nach inszenierten Künstlerbildern: Damit treibst du die Selbstinszenierung der jeweiligen Person quasi doppelt auf die Spitze, schaffst gerade dadurch aber auch eine Distanz, die durch die formale Reduktion deiner Malweise verstärkt wird. Wir als Betrachter erkennen die Ähnlichkeit und können den Dargestellten gleichzeitig auch anders wahrnehmen, als dies bei einer klassischen Fotografie oder beispielsweise einer realistischen Zeichnung der Fall wäre. Du selbst sagtest einmal: „Wer malt, ist damit beschäftigt, die Welt von individuellen Sichtweisen zu reinigen; von seinen und denen der anderen.“ Liefern deine Zeichnungen damit so etwas wie einen universalen Blick auf den Kanon der Kunst?

Im Zusammenhang mit meiner Arbeit ist der Begriff „universal“ wirklich schmeichelhaft, während mir die Vorstellung eines „Kanons“ viel zu eng ist. Die Kunst ist ja ein unergründliches Universum, um es Mal leidenschaftlich zu formulieren.

Tauchen wir noch einmal tiefer ein in die Werkreihe deiner Portraits. Die Fotografien aus Kunstbüchern und aus Künstlerbüchern gehen auf deine eigene, umfassende Bibliothek zurück. Grob geschätzt, wie viele Kunstbände besitzt du und welche Kriterien beeinflussen deine Kaufentscheidung? Was ist ausschlaggebend?

Eine Wand voll. Das ist nicht so wahnsinnig viel und es hat sich auch dahingehend geändert, dass ich inzwischen sehr viel im Internet recherchiere. Die Bücher sind noch an der Wand, die dekorieren den Raum, so ein bisschen wie Lawrence Weiner immer gesagt hat: „Books do furnish a room.“  Zu den Büchern, die ich besitze, gehören zum einen die ‚Inkunabeln’ unter den Konzeptkunst- und Künstlerbüchern mit ihren ausschließlich typografisch gestalteten Covern, die mir seit Anfang der 90er Jahre als Vorlagen für meine ‚Book Paintings’ dienen. „Cock Fight Dance“ von Sol Lewitt, „Crackers“ von Ed Ruscha, aber auch „Peanuts“ von Dan Colen, um nur ein paar zu nennen. Zum anderen Texte und Schriften der Künstler/innen selbst, wie schon eingangs erwähnt. Der Primärtext der Kunst.

Ist für dich das Künstlerbuch, das aktuell ein Revival erlebt, ein besonderes Buch? Oder ist es für dich gleichwertig mit einem Katalog, weil du aus einem anderen Blickwinkel darauf schaust?

Das sogenannte Künstlerbuch ist inzwischen inflationär geworden. Ich weiß schon gar nicht mehr, wo der Katalog aufhört und das Künstlerbuch anfängt oder umgekehrt.

Viele der Künstler in deinen Portraits erkennt man sofort, anderen ist man als Betrachter vielleicht noch gar nicht begegnet. Wann entscheidest du für dich, ein Portrait eines Kollegen oder einer Kollegin anzufertigen? Ist da die Bekanntheit ausschlaggebend, die Pose, oder was veranlasst dich und treibt dich dann an?

Je prominenter der Künstler oder die Künstlerin, umso größer das „Selbstbewusstsein“, umso wahrscheinlicher wird eine inszenierte Pose oder im Idealfall ist die Pose dann sogar echt. Die Entscheidung für oder gegen ein Porträt fällt im ständigen Hin und Her von Sympathie und Antipathie. Manchmal überrasche ich mich selbst.

Das kann natürlich auch eine Herausforderung für deine Kollegen sein. Lassen wir das mal so stehen. Deine Portraits zitieren – teils eher sachlich, teils jedoch auch durchaus humorvoll, gelegentlich aber auch kritisch – die Aussagen deiner Künstlerkollegen. Hat dich diesbezüglich schon jemals eine Beschwerde erreicht?

Nein, im Gegenteil. Damien Hirst hat sein Porträt geliked.

Bild und Text stehen in deinen Portraits gleichberechtigt nebeneinander. Liegt das an der vom Kunstsoziologen Arnold Gehlen bereits in den 1960er Jahren diagnostizierten Kommentarbedürftigkeit der Kunst der Gegenwart? Würde also zum Beispiel deine Interpretation des Selbstportraits von Albrecht Dürer ohne Text auskommen?

Absolut. Wobei sich das mit dem Text tatsächlich zwischenzeitlich auch geändert hat. In jüngerer Zeit kommen die Portraits mit immer weniger Text aus, teilweise mit nur einem Satz, einem Wort oder einem Statement. Ob das was mit den Künstlern und deren Arbeiten zu tun hat weiß ich nicht, aber ich vermute stark, dass es so ist. Es ist also weniger Text, es ist mehr Pose, mehr Behauptung. Arnold Gehlen war es doch auch, der sich im legendären Streitgespräch mit Joseph Beuys (Kunst und Antikunst 1970) zusammen mit Max Bense so furchtbar blamiert hat. Ich bin in Nürnberg geboren. Albrecht Dürer ist für mich singulär, mit oder ohne Text.

Parallel zu den Portraits umfasst dein Schaffen die Werkreihe der Buchcover und die sogenannten Vanity Plates. In diesen gehst du noch einen Schritt über die Portraits hinaus und reduzierst die Anwesenheit des Künstlers auf seine Erwähnung auf dem Titel eines Buches oder Ausstellungskatalogs. Das Wort wird also quasi zum Bild. Ist hier die Liebe zur Typografie der Ausgangspunkt?

Die Liebe zur Typografie ist bei mir schon zur fixen Idee geworden. Das ist der Ausgangspunkt, genau. Inhaltlich sage ich „Namen rufen“ statt „Namedropping“. Als Referenz würde ich gerne eine eher unbekannte Arbeit von Dieter Krieg zitieren. In einer Aktion ließ er 1975/76 sämtliche im Künstlerlexikon Thieme-Becker verzeichneten Namen vorlesen. Die Arbeit heißt „Allen Malern herzlichen Dank“.

Du selbst monogrammierst deine Werke. Wie stehst du vor diesem Hintergrund zu dem Beuys-Ausspruch: „Auch, wenn ich meinen Namen schreibe, zeichne ich“?

Das unterschreibe ich gerne.

Kommen wir auf die Vanity Paintings zu sprechen. In diesen schaffst du ein eindrucksvolles Paradoxon. Nur noch der Name des Künstlers erscheint, wodurch die Arbeiten an Gedenktafeln ohne Jahreszahlen erinnern. Dabei erfreuen sich die meisten der von dir so portraitierten Kollegen aktuell bester Gesundheit. Mit einer Portion Ironie versehen verschmilzt du so Gegenwart und Zukunft. Hältst du den Wunsch auf Nachruhm für einen maßgeblichen Antrieb, Kunst zu schaffen?

Ich würde noch weitergehen und sogar von Unsterblichkeitsgedanken sprechen. Von ganz vielen Kollegen und Kolleginnen weiß ich aus direkten Gesprächen, dass es unausgesprochen so ist, Kunst ist ihr Baby. Zu den Vanity Paintings wurde ich 2008 im Beinhaus von Donaumont in Verdun angeregt. Von Ina Deter, einer Musikerin, gibt es das schöne Zitat: „Vergangenheit ist Geschichte, Zukunft ein Geheimnis und jeder Augenblick ein Geschenk.“ Bei den Portraits, die ich mache ist es allerdings noch nicht ausgemacht, wer da übrigbleibt. Es kann ja genauso gut sein, dass man in 100 Jahren vor einem meiner Portraits steht und sagt: „Guck mal, das ist ja toll, Jonathan Meese, kenne ich gar nicht.“

Auch die Selbstinszenierung des Künstlers bestimmt natürlich seinen postumen Ruhm. Nicht wenige treiben dies heutzutage soweit auf die Spitze, dass sie quasi eine Kultfigur schaffen. Hat sich der Malerfürst vergangener Jahrhunderte in der Moderne in einen Künstler verwandelt, der sich zu seiner eigenen Marke entwickeln muss?

Ich glaub nicht, dass er das muss. Aber es gibt auf jeden Fall eine Demarkationslinie, die durch die ganze Kunst verläuft und mir fällt auf, dass auch unter den Kollegen immer wieder die Frage im Raum steht: „Muss ich mich jetzt entscheiden? Muss ich aus dem, was ich bin und was ich mache eine Marke erschaffen, oder was bin ich eigentlich sonst?“ Ich selbst bin zum Glück draußen, ich beobachte das ja nur - das ist auch das Schöne an meiner Arbeit. Ich glaube, wenn man dem ausgesetzt ist, ist es auf Dauer anstrengend. Das heiß gelaufene Betriebssystem der Kunst mag ja „verkommen“ sein, das heißt aber nicht automatisch, dass die Kunst darunter leiden muss. Stop hating Koons! Kunst kann von leichter Hand sein wie bei Richard Tuttle oder Spaß machen wie bei Jonathan Messe, der sagt „Ich will euch alle glücklich machen.“ Herman de Vries streut Rosenblüten, Sigmar Polke entlaubt einen Baum, Ai Wei Wei sucht Streit, On Kawara ist still alive...

Deine Bilder wirken im ersten Moment verspielt, sie sind stilisiert, humorvoll. Wohl erst auf den zweiten Blick wird manch einem Betrachter die inhaltliche Tiefe bewusst, die sich mit eben jener Frage nach der Überwindung der Vergänglichkeit auseinandersetzt. Möchtest du den Betrachter so auch mit der Vergänglichkeit der eigenen Existenz konfrontieren? Sind deine Werke für dich Memento Mori?

Absolut.

Konsequent fertigst du deine Werkreihen seit etlichen Jahren nach den gleichen Schemata. Siehst du dich selber als Konzeptkünstler?

Na ja, für die Konzeptkunst war das damalige Zeitfenster genaugenommen nur sehr klein und kurz. Insofern bin ich wirklich nur jemand der zeichnet und Bilder malt.

Dann zu guter Letzt, lieber Marcus Neufanger, wie würde ein Portrait von dir selbst aussehen und welcher Satz stünde darüber?

Ich würde kein Porträt von mir machen wollen. Aber ein Satz könnte lauten: Wer Künstler ist und wer nicht entscheide nicht ich.

Lieber Marcus, ich danke dir ganz herzlich für dieses wunderbare Gespräch trotz des Trubels der Berlinale, trotz der Ausstellung, die gleich bevorsteht, mir hat es große Freude gemacht. Vielen Dank für den tiefen Einblick.

Ich bedanke mich.

Das Gespräch führten Anne Simone Krüger und Rene S. Spiegelberger. Weitere Informationen zum Künstler gibt es auf der Homepage von Marcus Neufanger.