Jochen Hein

Jochen Hein im Atelier

Jochen, Sie hatten ein erstes Leben als erfolgreicher Unternehmer und haben dann die Entscheidung getroffen, sich ganz der Kunst zu widmen, weil Sie es ohne Entbehrungen und Verkaufsdruck konnten. Ein Künstler ohne Leidensdruck. Geht das – und was treibt Sie an?

Eigentlich ist es die Neugier und die Veranlagung, die ich von Anfang an mitbekommen habe, Dinge so festzuhalten zu wollen, dass sie für mich und für andere bedeutsam sind. Dieser Weg war sozusagen genetisch vorgegeben und dem habe ich irgendwann Raum geben dürfen. Als ich unternehmerisch tätig war, wollte ich auch immer nur das umsetzen, was mir bedeutsam schien. Die Frage, wovon ich lebe, hat sich mir unabhängig davon immer auf einer anderen Ebene gestellt. Das Malen war ohnehin für mich existenziell, aber das Leben ist eher eine profane Einrichtung, die natürlich irgendeine Grundlage braucht. Das miteinander zusammen zu bringen, darauf bin ich eigentlich erst recht spät gekommen. Der Impuls etwas entstehen zu lassen, das überlieferungswürdig ist, der war viel früher da. Das kann aber natürlich erst einmal gar nichts mit Geld zu tun haben, sondern ist eine Frage der Liebe.

Werten Sie diese Freiheit als ein besonderes Privileg?

Die Möglichkeit zu haben, das so zu machen, wie man es im besten Fall kann, hat ja jeder. Jeder kann heute in unserem Land sehr einfach die Freiheit erlangen, sich die wirtschaftliche Grundlage zu schaffen, freier Künstler zu sein. Da halte ich es dann auch mit Nietzsche „erst einmal einen anständigen Beruf erlernen, bevor man freier Künstler wird“.
Grundsätzlich habe ich auch die Bereitschaft, beides zusammen zu bringen. Allerdings bin ich überzeugt, dass man als Künstler nicht zeitgleich versuchen sollte, Unternehmer zu sein. Umgekehrt gilt das natürlich genauso. Trotzdem bin ich aber gerne auf verschiedenen Ebenen unterwegs. So auch auf einer technischen, die mich interessiert, aber alles eben zu seiner Zeit. Die Parallelität ist aber auch gerade das, was es ausmacht. Jede Ebene oder jedes Spiel hat seine eigenen Regeln und wenn man diese beherrscht, dann kann man sie auch mal brechen oder sogar kombinieren. So war beispielsweise meine Motivation, Unternehmer zu werden, die gleiche, wie die, Künstler zu werden. Es ist jene, dass ich mir keine abhängige Produktion vorstellen kann. Ich muss selbst gestalten können.

Jochen HeinSie meinen also, dass das Malen für Sie auch deshalb existenziell ist, weil es nicht aus monetären Gründen lebensnotwendig ist?

Die Evolution hat uns da einen starken Motor eingebaut. Wir stellen uns nämlich die Frage nach dem Sinn und die Frage, wie wir dahin gelangt sind, wo wir heute stehen. Die Frage, ob es einen Gott gibt oder nicht. Also die Fragen, die nicht universell zu beantworten sind, sind der elementare Motor. Selber habe ich festgestellt, dass ich mir in der Auseinandersetzung mit einem Bild diese Fragen stellen kann. Zwar bekomme ich keine Antwort, aber ich habe das Gefühl, dass ich mir vor der Leinwand diese Fragen so intensiv stellen kann, dass ich dem Existenziellen relativ nahe komme.

Wir haben das Unternehmertum bereits gestreift und ich möchte dieses Feld noch nicht ganz verlassen. Hier drängt sich nämlich schnell die Frage nach Kunst und Markt auf. Die meisten jungen Künstler haben diesen monetären Druck, und wir haben einen Kunstmarkt, der sich trotz einiger gesunder Korrekturen in den letzten Krisen auf einem sehr hohen Niveau bewegt. Sehen Sie in dieser Versuchung und dem damit einhergehenden Druck, den dieser Markt birgt, ein Problem für junge Künstlerkollegen?

Das ist ein Problem. Womöglich hat das Problem auch schon immer Bestand gehabt. Aber als ich reif genug war, diesen Kriegsschauplatz zu betreten, da waren Haring und Basquiat ganz oben. Da hieß es, in einem Jahr musst du in New York sein und in zwei Jahren tot. Das heißt, die Mechanismen des Hypes mussten nicht nur erfüllt werden, sondern sie wurden auch allgemein goutiert.
Meine Auffassung war allerdings auch damals bereits die, dass das Werk eines Künstlers eher über einen Zeitraum von 30 Jahren entsteht. Da gibt es vielleicht 10 Jahre davor und 5 danach, aber wenn man die Chance hat, so lange zu wirken, ist das eine gute Voraussetzung, etwas Gehaltvolles zu schaffen. Natürlich gibt es auch Wunderkinder, die ganz schnell aufsteigen. Aber was nützt einem mit 17 Jahren Wimbledon zu gewinnen undden Rest des Lebens eine dümpelnde Ikone seiner selbst zu sein? Für mich ist ein Künstlerleben etwas, das über den Moden steht. Manche Künstler können aber damit sehr gut umgehen und reagieren auf den Druck des Marktes und seiner Erwartungen und entwickeln daraus auch Kunst, die damit zu tun hat. Da gibt es ja erfolgreiche Beispiele wie Warhol, Koons oder Hirst.

Wenn Sie Warhol und Koons ansprechen, reden wir automatisch auch über Ikonographie in der Kunst. Für viele Künstler ist eine klare Zuordenbarkeit wichtig. Ihre Arbeiten hingegen muss man kennen, um Ihre Hand darin zu erkennen.

Das wäre schade. Ich glaube, dass man meinen Strich auch durch die Blöcke hindurch identifizieren kann. Das ist natürlich einfacher, wenn die Themen dichter beieinander liegen, aber wenn man genau hinschaut, ist meine Handschrift schon durchgängig präsent.

Jochen Hein im AtelierDas Repertoire Ihrer Themen ist extrem weit gefächert. Gerade standen wir zusammen vor einer Arbeit, die eine Grasfläche im Detail fokussiert. Wie lange haben Sie sich zuvor mit diesem Thema nicht mehr befasst?

Also ich hatte es im letzten Jahr schon einmal aufgenommen, davor aber hatte ich über sechs Jahre kein Grün angefasst. Heute ist mein Repertoire wie eine Insel, auf der ich in unterschiedlichen Buchten verschiedene Siedlungen habe, zwischen denen ich mich frei bewegen kann. Doch obwohl ich versuche fleißig zu sein, gibt es für mich weiterhin fast nur ungemalte Bilder.

Ungemalte Bilder weckt natürlich Assoziationen. Wir denken dabei sofort an die Deutschstunde, an Nolde. Oder an Künstler wie Miró, in deren Ateliers noch unbearbeitete Leinwände stehen, die nicht mehr vollendet werden konnten. Das ist meine Überleitung dazu, dass ich denke, dass jeder große Künstler so gesehen zu früh stirbt, weil seine Kreativität noch nicht erschöpft ist.

Sicherlich ist das so. Sie werden demnächst mit Fernando de Brito ein Interview führen und der hat etwas sehr Schönes gesagt, das eine große Wahrheit besitzt. Er versucht, nicht zu viel zu machen. Man kann an einer reinen schieren Produktivität auch selber ersticken. Eigentlich habe ich zwar diesen enormen Hunger, aber ich muss einräumen, dass es objektiv gesehen vielleicht ohnehin nur um die fünf Bilder sein werden, die wichtig sind. Dann ist es auch egal, ob man 50 gemacht hast oder 5000, es werden am Ende nur fünf bleiben, die wirklich bedeutungsvoll sind. So lange man aber nicht ganz sicher sein kann, welche das sind, bleibt natürlich die Unruhe. Darin besteht das eigentliche Problem.

Jochen Hein

Kennen Sie in Ihrem Werk schon zwei, drei Bilder, die zu den fünfen dazu zählen werden?

Ja. Ich habe sogar schon über fünf, aber die verrate ich nicht.

Wenn man alte Interviews von Ihnen liest, gibt einem der Journalist zum Abschluss einen Wermutstropfen mit auf den Weg. Die Botschaft: Jochen Hein verkauft nicht. Er produziert lediglich für namhafte Sammlungen und Museen. Sie hängen in bedeutenden Häusern. Ihre erste öffentliche Ausstellung war 2003 eine Solo-Show in der Hamburger Kunsthalle, 2008 knüpften Sie hieran an und weitere diesen Formats folgten. Wie gehen Sie mit dem Thema Erfolg als Künstler um?

Das ist schon ein bisschen tragisch, dass viele Menschen auf das Nicht-Verkaufen in der Vergangenheit so einen Akzent gesetzt haben. Wichtig ist doch, dass die Bilder irgendwann auf die Welt kommen und dass sie irgendwo zu sehen sind. Die Tatsache, dass ich heute auch mal ein Bild verkaufe, ist für mich auch gar nicht so bedeutungsvoll, wie vielleicht für die, die sich damals zurückgesetzt gefühlt haben, weil sie nicht kaufen durften. Für mich ist das jetzt einfach die richtige Konsequenz.
Ich gehe künstlerisch heute in verschiedene Richtungen und nun können meine Arbeiten auch in verschiedene Richtungen gehen. Das ist ganz notwendig für mich gewesen, eine große Selbstverständlichkeit geradezu, Arbeiten für mich hier im Atelier zu behalten. Diese Art von Luxus, nicht den Druck haben zu müssen, die Arbeiten sofort rausgeben zu müssen, war für mich künstlerisch extrem wichtig. Viele Künstler, die gerade dem Hype ausgesetzt sind, haben darunter extrem zu leiden. Es ist wirklich ganz schlimm, Arbeiten vor der Zeit loslassen zu müssen. Nicht, weil sie noch nicht fertig sind, sondern weil man sie einfach noch braucht. Und deshalb finde ich es auch etwas ganz Schönes und Reifes, dass ich heute sagen kann „und jetzt, Kinder, geht“. Jetzt bin ich reif dafür. Fälschlicherweise wurde mir das in früherer Zeit als Snobismus oder feindliche Gesinnung ausgelegt. Das war es nicht.

Das verständliche Problem ist, dass der Markt von Angebot und Nachfrage lebt und Sie zwar die Nachfrage kreieren, aber nicht das Angebot bereitgestellt haben.

Natürlich, aber die Frage geht ja eigentlich über den Kunstmarkt hinaus und sollte somit eher lauten, was ist eigentlich Kultur? Wie ist der Umgang mit Kultur, was ist das Interesse des Einzelnen, was trägt er bei? Dann stellt man fest, dass dies ein großes Gebilde ist, das in weiten Teilen vom Kunstmarkt dominiert wird. Obgleich es doch eigentlich nur ein Aspekt ist. Schließlich setzt sich ja auch kein Kind hin und malt ein Segelschiff, weil es weiß, dass es einen Kunstmarkt gibt. Genauso wenig sagt Richard Serra „ich setze da jetzt mal hunderte Tonnen schwere Eisenskulpturen hin, weil die sich so gut verkaufen lassen“.

Von dieser Unabhängigkeit geleitet dürfen Sie ebenfalls Ihren Atelieralltag gestalten und das nehmen Sie nach meinem Verständnis ja auch sehr intensiv, in Dankbarkeit wahr.

Diese Zeit und diese Welt ist in der Tat ein Segen für mich. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob ich vor zwei- dreihundert Jahren zu Fuß nach Amsterdam gegangen wäre in der Hoffnung, dort meinen Meister zu finden, um somit die Grundlage für eine Chance zu schaffen, einmal von der Kunst leben zu können.
Parallel kann es auch heute noch in Afghanistan oder anderen Ländern der Erde passieren, dass Künstler wegen ihrer Kunst an Leib und Leben bedroht sind. Deshalb empfinde ich es nicht als dramatisch, wenn Künstler heute nicht alleine von ihrer Kunst leben können, sondern noch Taxi fahren oder kellnern gehen.

Ab wann ist der Taxifahrer Künstler?

Jochen Hein Ausstellung

Wenn er sich den Auftrag erteilt etwas zu machen, das überlieferungswürdig ist. Oder auch, wenn er nur provoziert. Die Frage, ab wann jemand Künstler ist, ist natürlich fast genauso weich, wie die Frage, ab wann etwas Kunst ist. Die Frage ist aber auch gar nicht wichtig oder es ist nicht wichtig, darauf eine Antwort zu haben.
Wichtig ist, kreativ das zu tun, was man tun möchte. Es gibt genügend Künstler, die ohne Koketterie behaupten, keine Künstler zu sein, und sich darauf beschränken zu sagen: Ich mach’ was ich mache. Ich weiß nicht, wie Ai Wei-Wei das sagen kann, aber er macht es. Das kann man akzeptieren und auch richtig finden, aber trotzdem macht der natürlich Kunst.
Natürlich gibt es wiederum genauso Leute, die sich Künstler nennen, die einfach nicht in der Lage sind, ein einziges Kunstwerk hervor zu bringen. Dieses aber mit der gesamten Attitüde des Künstlers und allen Insignien, Voraussetzungen und Absichten der Zunft leben.
Für den, der Kunst genießt oder konsumiert, sollte es allerdings gar keine Rolle spielen, wie derjenige darüber denkt oder fühlt, der diese Kunst hervor gebracht hat. Wenn ihm da etwas begegnet, das ihm etwas bedeutet und wo für ihn eine Teilhabe ist, da entsteht Kunst. Also beim Betrachter. In meinem Fall bin ich dafür von guter Malerei zu sprechen und nicht von Kunst. Das ist viel klarer.

Lieber Jochen Hein, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Rene S. Spiegelberger, Spiegelberger Stiftung am 23. Mai 2012
im Hamburger Atelier des Künstlers.