Unikat VI

Gabriel Dubois

Zeichen und Zeiten

Gabriel Dubois‘ solide Beziehung zu vergangenen Abstraktionen erlaubt einen charakteristischen und persönlichen Humor, Variation und Geist. In seinen Arbeiten spielen kraftvolle Linien und Kurven mit der Unfarbe braun und die Muster der Holzmaserung werden klangvollen lila, türkis-farbenen oder grünen Streifen gegenübergestellt. In den neueren, streng geradlinigen abstrakten Werken scheint es, als würden einem dreidimensionale Objekte entgegen springen, die Zwänge der Leinwand hinter sich lassend; Zwänge als Spiel, die wissen, woher sie kommen (Bauhaus, De Stijl, späte geometrische Abstraktionen) und wissen, wohin sie wollen. Dubois‘ Vertrauen und Optimismus fällt ins Auge. Er nimmt seine Wegbereiter mit in neue Räume, die herausfordern und provozieren. Dorthin, wo tagging in illegalen Zeichen und Namen fortbesteht und der Funken des Anarchismus andauert. Das Gefühl des Unbehagens weicht einem Gefühl der Positionierung und Ausgeglichenheit. Offensichtlich wird dies auch in seinen Collagen, in denen nicht nur das Nebeneinander der Worte erfreut sondern auch die Strukturen und Muster: Farbabbildungen, Briefe und kariertes Papier, die in Farbpaletten instrumentiert wurden. Dubois‘ spezifische Doppelkurven und Kreise schaffen eine hybride Poesie der Worte, Bilder und stillen Formen.

Gabriel Dubois, Mother Tongue

Dubois‘ Arbeiten auf Außenwänden – ob auf einem verlassenen Tempel in Indien oder einer alten Tür in Saigon oder der Provence – sind von besonderer Eleganz und Kraft. Sobald das Zeichen sagt: „Ich war hier“, scheint diese Botschaft vor dem Sinn einer abstrusen Bedeutung, vor einem geheimen Zeichen unterzutauchen – ein Hinweis auf ein vergangenes oder künftiges Ereignis. Die Schlangenlinien wirken wie Schaltkreise aus dem 21. Jahrhundert, die den Neonröhren-Eingangsschildern fernöstlicher Kurzwarenläden entstammen. So frisch, den Raum zurückerobernd, wissen wir, dass sie andauern werden – bis sie dann doch eines Tages vielleicht plötzlich, aber doch zwangsläufig verschwinden. Umso kostbarer seine Fotografien, die den Moment einfangen während die Farbe trocknet.

Dubois bringt die Vitalität des Überlebensinstinktes hinein in die Galerie-Welt – mit seinen gestreiften Hütten aus gefundenem Holz, welche mitten in der Galerie aufgebaut sind: ein Paradox in einer bereits geordneten Situation; der White Cube bietet eine modernistische Grundlage für seine glatten und geistreichen Bilder. Doch mit der Schaffung eines „Innenraumes“ besteht er gleichsam auf einem geschlossenen, privaten Ort, der Intimität erlaubt – ein Gespräch, eine schlichte Zigarette, eine Liebkosung oder ein Fluch jenseits der galerieeigenen Gerichtsbarkeit und Kontrolle. Die Hütten entziehen sich nicht nur den Richtlinien der Galerie, sondern oft auch denen des Marktes selbst. So wird ein bisschen von Hänsel und Gretel bewahrt, ein Hauch der Gebrüder Grimm in die Gegenwart transportiert.

VI-101 Fast Track WillySo wie Malerei zu Architektur werden kann, so können Dubois‘ Obelisk-Skulpturen die Höhe eines Tisches erreichen oder aber auch ins Monumentale wachsen: so wie Worte ein Spiel mit Bedeutung sind – Okenko, N’fumo, Das Kykkeliky Eingang – so ist auch der Maßstab eines, aus einem Satz mit Variablen. Die Beziehung zwischen Sport oder Spiel und Dubois‘ Intensität von Fokus und Form – die Hütte als Überlebensmechanismus, Kunst als Überlebensmechanismus – ist offensichtlich. Dubois‘ Durchkreuzungen von Raum und Zeit, Kanada, Indien, Großbritannien, Deutschland, sein mehrsprachiges, sein nomadisches Wesen, das so typisch für ihn ist, geben seinen Werken sowohl ein Gefühl der Sicherheit, hier und jetzt gemacht worden zu sein, als auch eine nicht fassbare Undefinierbarkeit. Viele seiner Hütten existieren nicht mehr; was, wenn sich auch die Zeichen an der Wand oder auf der Leinwand eines Nachts davonschleichen, sodass die Flächen wieder kahl werden? Hüte Dich!

Professor Dr. Sarah Wilson