Unikat XI

Thorsten Brinkmann

 

Die letzten Polaroids

Dr. Mathias Harder – Gedanken zu Thorsten Brinkmanns „Se King – revisited“

Wenn ein so vielseitiger Künstler wie Thorsten Brinkmann die Möglichkeit bekommt, 2017 mit den weltweit vielleicht letzten großformatigen Farbpolaroids zu experimentieren, dann muss etwas Großartiges gelingen: In Wien entstand eine improvisierte Bühne mit Materialien aus Brinkmanns Hamburger Atelier, mit Teppichen, Brettern, Vorhängen und Kleidung, auf der 50 Polaroids mit dem Künstler, der in eine Fantasierolle schlüpfte, belichtet wurden. Wieder ist es die Persiflage einer variablen Herrscherpose, diesmal als facettenreiche Performance dokumentiert, für die sein Videofilm „Se King“ aus dem Jahr 2009 ein entscheidender Referenzpunkt war. Und wieder sprengt er en passant alle Gattungsgrenzen.

Thorsten Brinkmann ist Darsteller, Kostümbildner, Dramaturg, Regisseur und Kameramann in Personalunion. Die Vorbereitung einer Aufnahmesituation dauert normalerweise mehrere Minuten, doch nach dem Rollentausch zwischen Künstler und Schauspieler bleiben Brinkmann nur wenige Sekunden Zeit, um sich vor der Kamera zu positionieren, bevor der Selbstauslöser zu Ende tickt. Das Bildergebnis kontrollierte er bisher auf dem Display der digitalen Kamera; der Aufnahmeprozess konnte so lange wiederholt und die Versuchsanordnung so lange nachjustiert werden, bis die Aufnahme „stimmte“. Niemals wurden hingegen Bildhintergründe oder Einrichtungsgegenstände nachträglich ins Porträt einkopiert. Gelegentlich gerieten auch leer gebliebene, provisorische Sitzgelegenheiten oder geöffnete Taschen ins Visier des Künstlers und wurden mitunter zur einzigen Bildaussage. Es handelt sich um Fehlstellen, die über das vermeintliche Vorher und Nachher innerhalb der Serie und somit grundsätzlich über Aufnahmeprozess und Zeit reflektieren. Eine Sitzgelegenheit ist bei Brinkmann gleichzeitig Sockel, auf den sich der Künstler selbst hebt. Bereits in seiner bildhauerischen und fotografischen Serie „Das Prinzip Sockel“ führte er die Fragen nach Repräsentation und Material in der zeitgenössischen Kunst ad absurdum.

Die Initiation für die ungewöhnliche Selbststilisierung fand bereits während des Kunststudiums statt, in Hamburg Mitte der Neunzigerjahre: Thorsten Brinkmann fotografierte sich selbst und verweigerte gleichzeitig bewusst den Blick auf sich. Denn Gesicht und Körper verschwanden in Überbelichtungen, hinter fotochemikalischen Auswischungen oder Verhüllungen. Zehn Jahre später systematisierte er diese selbstironischen Metamorphosen des Ich. Unter dem Werkgruppentitel „Portraits of a Serialsammler“ baute er mit den so grotesken wie witzigen Verwandlungen eine unnachahmliche Spannung zwischen Objekt und Subjekt, zwischen banalem Haushaltsgegenstand und menschlichem Körper auf, die auch in seinen Skulpturen und Installationen immer wieder aufblitzt. Seitdem entstehen die unterschiedlichen künstlerischen Medien und musealen Interventionen mit spielerischer Leichtigkeit gleichberechtigt parallel – oder in Kombinationen. So tauchen beispielsweise Orientteppiche oder ehemalige Schrankwandpaneele als gigantische Passepartouts um die ohnehin schon großformatigen Fotografien an den Wänden der Ausstellungsräume auf.

In den Selbstporträtaufnahmen erkennen wir nicht den Künstler selbst, sondern begegnen einer bis zur Unkenntlichkeit verpackten Gestalt, von der man noch nicht einmal mit Sicherheit das Geschlecht bestimmen kann. Auf der Basis eines Brustporträts oder einer Ganzkörperdarstellung – formal durchaus traditionell, inhaltlich neodadaistisch – sehen wir übergestülpte Pappkartons, Mülleimer oder Damenhandtaschen anstelle des Kopfes. Wir können keinerlei Gesichtsgestik erkennen, wohl aber durch die eingenommene Körperhaltung antizipieren. Skurrile Dinge aus Altkleidersammlungen oder Wohnungsauflösungen bevölkern mit dem Träger die bühnenhafte, erratische Szenerie. Mode ist stets auch Zeitgeschichte, und so verwischen sich hier die unterschiedlichen Trends und Dekaden in wilden Kombinationen.

Interessant sind überdies diverse Altgegenstände, mit denen Brinkmann seine Protagonisten – also sich selbst – ausstattet, deren frühere Funktionen jedoch nicht immer eindeutig zu bestimmen sind: Hier ein rotes, gebogenes Stück Abwasserrohr, das als Handschuh übergestülpt wird, dort ein verbeulter Blecheimer, der den Kopf ersetzt. Ausdruck und Haltung der Figuren werden durch Posen vermittelt, aber die Dinge werden neuerdings auch zu einer Art Ausdrucksprothese, denn sie verwandeln sich zu Masken mit physiognomischem Ausdruck – und sei es allein in unserer Rezeption.

Dabei überlässt der Künstler kaum etwas dem Zufall, weder die Positionierung der Figur im Raum noch die Ausstattung des provisorischen Fotostudios mit zahlreichen Accessoires. Neutrale Hintergründe in anderen Fotografien lassen unseren Blick auf den Figuren mit ihren seltsamen Maskeraden ruhen. Als Paten in der Kunstgeschichte und der frühen Performance kommen uns Claude Cahun, Hugo Ball, Oskar Schlemmer oder Cindy Sherman in den Sinn. Diese hatten – wie Brinkmann nach ihnen – der bildhaften Repräsentation des Selbst eine Absage erteilt. Gleichzeitig begegnet uns hier wie dort der Mensch als Künstler respektive als sich selbst paraphrasierender Darsteller seiner selbst. Von Rimbauds ernstem „Ich ist ein Anderer“ zum heiteren Identitäts- und Rollenspiel Brinkmanns ist es ein langer Weg, sein Ansatz ist weder eitle Nabelschau noch quälende Selbstreflexion. Stattdessen greift Brinkmann mal subtil, mal brachial in die heutigen bürgerlichen Kunst- und Repräsentationsvorstellungen ein und hinterfragt diese humorvoll. Er inszeniert und re-inszeniert und er kommentiert. Dabei ist ihm eine subtil-respektlose Ironie ebenso eigen wie die Aufhebung von „High and Low“ auf der Basis einer radikal-anarchischen Umdeutung. Die Verkleidung ist in den Selbstporträts zugleich Kostüm und Vermummung, und die absurden Kopfbedeckungen, die den Künstler entindividualisieren, sind immer auch Maske. Die Travestie erreicht ihren Höhepunkt, wenn Brinkmann in Frauenkleidung schlüpft und sogar den heute so populären Transgender-Kunstdiskurs paraphrasiert. Doch hier ist die Geschlechterrolle klar: Thorsten Brinkmanns alter ego ist ein König, oder vielmehr die Parodie eines Königs.

In der jüngsten Polaroidserie „Se King – director’s shot“ entschied sich der Künstler zudem für eine leicht modifizierte Arbeitsweise, da das Filmmaterial extrem limitiert und ein Ausschuss möglichst zu minimieren war. Brinkmann bereitete die Sequenz dementsprechend im heimischen Studio vor, suchte sich mit Blick auf die dort entstandenen Bilder die interessantesten Posen und Gesten aus und stellte diese im Wiener Supersense-Studio nach. Die sich leicht wandelnde Bühne, die Brinkmann dort eigens für das Shooting errichtete, könnte man durchaus auch als begehbare Skulptur oder orts- und zeitspezifische Installation bezeichnen. Sein Assistent re-inszenierte darauf das männliche Modell, also Thorsten Brinkmann, sowie die Accessoires, wie von Brinkmann vorgegeben – und die Mitarbeiter von Supersense bedienten schließlich fünfzigmal die riesige 20 x 24 Zoll Polaroidkamera, eine der letzten ihrer Art. In dieser Größe und Bildtechnik haben vor ihm bereits Chuck Close, Julian Schnabel, Robert Rauschenberg oder William Wegman gearbeitet. Diesmal, und das ist ungewöhnlich für Brinkmann, entstanden keine Selbstportraits mit Selbstauslöser, sondern eine Re-Inszenierung von Selbstportraits, die er vorher in seinem Hamburger Atelier durchgearbeitet hatte, ausdruckte und dann nachstellte.

Die Sequenz gleicht insofern eher der Dokumentation einer Performance. Einer Performance für die Kamera. Die 50 Unikate funktionieren seriell, aber auch wunderbar als Einzelbilder. Die dem Medium eingeschriebene Schnelligkeit und Spontaneität, die manche Fotografen so sehr am Polaroid schätzen, wird durch die präzis-kalkulierte Verwendung Brinkmanns und der Kameragröße konterkariert.

Polaroid ist eine jahrzehntealte, aus der Zeit gefallene Technik, gleichwohl hat sie die Fotografie seit den 1970er-Jahren revolutioniert. Wer jemals eine Polaroidkamera benutzt hat, wird den Geruch der fotochemischen Entwicklungsemulsion und die Faszination für das Sofortbild nicht vergessen. Beim Polaroid handelt es sich bis auf wenige Ausnahmen stets um ein Unikat, das gilt für die 10 x 10 cm großen Aufnahmen mit der legendären SX70 ebenso wie für die 61 x 50,8 cm großen Polacolor-Prints mit den so charakteristischen farbigen Entwicklungsrändern. Polaroids sind – in der vordigitalen Zeit – entweder als vorbereitende Studien oder als eigenständiges, künstlerisches Medium verwendet worden. Brinkmann nutzt die Polaroids mit dem so unnachahmlichen Farbspektrum nicht als Ideenskizze wie manche Kollegen vor ihm, sondern als unmittelbaren Abdruck des vor der Kamera Befindlichen. Manche seiner großformatigen Polaroids haben Flecken, Fehlbelichtungen und Farbirritationen in der Bildoberfläche oder amorphe, wie ein Briekäse auslaufende Bildränder. Verwendet man diese physikalisch-chemische Technik, muss man sich den Zufall zum Komplizen machen, denn nicht jede Aufnahme gelingt. Insbesondere variiert die Lokalfarbigkeit von Bild zu Bild.

Wir sehen Brinkmann in „Se King – director’s shot“ auf einem Polsterstuhl sitzen, liegen oder kauern, mal steht er daneben, mal quetscht er sich darunter. Einmal wird der Stuhl sogar zur Kopfbedeckung, einer riesigen Krone gleich. Ansonsten trägt er einen weiße und einen schwarzen Handschuh und einen kupfernen Blumenübertopf auf dem Kopf, der – wie bei Brinkmann üblich – gleich sein Gesicht mit bedeckt. Dem Antlitz des Menschen sprechen wir im Porträt oder Selbstporträt gemeinhin den größten Identitätsaspekt zu; Brinkmann verzichtet auch in dieser Bildreihe darauf zugunsten der vielfältigen Möglichkeiten des Rollenspiels. Das Zepter des vermeintlichen Herrschers ist eine weiße Gardinenstange. Zwei blaue Vorhänge rahmen am linken und rechten Bildrand die karge Bühne. Stets trägt der Künstler während seiner performativen Aktion einen purpurroten glänzenden Umhang, hier ein alter Bettbezug, sowie andere für die Kunstgeschichte übliche Herrschaftsinsignien, die Brinkmann zweimal innerhalb der Serie allein auf der Bühne zurücklässt, um sich selbst im Hintergrund zu verstecken. Alles erscheint hier ungewöhnlich; spätestens auf den zweiten Blick wird die skurrile Verschiebung der zweckentfremdeten Alltagsgegenstände offenbar; sie bilden eine andere, stilisierte Realität. In den Repräsentationsgemälden früherer Jahrhunderte symbolisierten bestimmte Accessoires, wohlplatziert im Bildhintergrund, Macht und Wohlstand. Hier sind die schlichten Vasen oder ein durch Zeichnung angedeutetes mögliches Regal, nur ironisierende Stellvertreter für ein feudales oder großbürgerliches Wohnen und den entsprechend flankierten Auftritt des Hausherrn. Brinkmann dekliniert eine selbsterdachte Maskerade auf einer annährend identischen Bühne fünfzigmal fantasievoll durch, und in der Bildfolge entwickelt sich so die Metamorphose einer Figur.

Thorsten Brinkmann zitiert in „Se King – director’s shot“ mittels der verwendeten Materialien aus dem eigenen Fundus eine vergangene Zeit, wie ein absurdes Theater mit historischen Kostümen und anderen Requisiten, das gleichwohl rätselhaft zeitlos bleibt. Und dadurch das Herrscherbild an sich ad absurdum führt. Eine solche Bildserie künstlerischer Selbstdarstellung in dieser Technik hat es zuvor noch nie gegeben; in der Tat ist, wie ich anfangs vermutet habe, etwas Großartiges entstanden.

 

Matthias Harder

Dr. Matthias Harder wurde1965 in Kiel geboren und ist dort aufgewachsen. Seit 2004 arbeitet er als Hauptkurator der Helmut Newton Stiftung in Berlin. Als Gastkurator war er unter anderem für die Deichtorhallen Hamburg, Kunsthalle zu Kiel, den Martin-Gropius-Bau, Berlin, das Städel Museum, Frankfurt am Main, sowie das Tokyo Art Museum tätig.